Alexander Zemlinsky

14/10/1871 Wien, 15/03/1942 Larchmont, USA  

„In einem solchen Gedränge nützt es nichts, Ellbogen zu haben, man muss sie auch zu gebrauchen wissen.“
Alexander Zemlinsky

Biografie

Die Eltern von Alexander Zemlinsky hatten sich in Wien kennengelernt. Seine Mutter Clara Semo stammte aus Sarajevo; die Vorfahren des Vaters, Adolf Zemlinszky, aus Oberungarn (der heutigen östlichen Slowakei). Der Name lautete ursprünglich Semlinsky, der Vater des Komponisten hatte ihn magyarisiert und sich ein nie festgestelltes Prädikat „von“ beigelegt. Die Familie von Clara Semo war muslimisch und jüdisch, Adolf von Zemlinszky war Katholik, wegen seiner Frau konvertierte er zum Judentum. Die Hochzeit fand am 8. Januar 1871 in der sephardischen Synagoge statt, Alexander wurde am 14. Oktober geboren, es folgte die Tochter Bianca, die nach nur einem Monat verstarb. Eine weitere, im Jahre 1877 geborene Tochter Mathilde hatte einen Zwillingsbruder Matthias, über den nichts weiteres bekannt ist. Alexander wuchs im von zahlreichen Juden bewohnten Wiener Bezirk Leopoldstadt auf. Der Vater arbeitete als Sekretär der türkisch-israelitischen Gemeinde, die die alten türkischen und hispanischen Traditionen zu bewahren suchte. Hier, im Chor der Synagoge, sammelte der junge Alexander seine ersten Erfahrungen. Mit 13 Jahren wurde er vom Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde aufgenommen, das er im Jahre 1892 mit seiner Symphonie d-Moll absolvierte. Die Werke dieser Zeit (z. B. das im Jahre 1896 komponierte Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier d-Moll Op. 3) weisen den Einfluss der Musik von Johannes Brahms (1833–1897) auf. 

Zemlinského Trio pro klarinet, violoncello a klavír d moll op. 3 z roku 1896 neskrývá obdiv pro hudbu Johannese Brahmse, mimo jiné i svým nástrojovým obsazením. Nahrávka 1. věty Allegro ma non troppo. Wolfgang Meyer (klarinet), Markus Hadulla (klavír), Mischa Meyer (violoncello)

Der Freund für das ganze Leben
„Er ist in den vielen Jahren immer derjenige geblieben, dessen Verhalten ich mir vorzustellen versuche, wenn ich Rat brauche.“ (Arnold Schönberg)

Arnold Schönberg (1874–1951) hatte Zemlinsky wahrscheinlich im Jahre 1895 kennengelernt. Bis zu Zemlinskys Tod im Jahre 1942 verband die beiden Komponisten – trotz aller Prüfungen, die das Leben für sie bereithielt – eine tiefe persönliche und berufliche Freundschaft. Der nur um drei Jahre ältere Zemlinsky wurde Schönbergs Lehrer und später auch Schwager, als Schönberg im Jahre 1901 Zemlinskys Schwester Mathilde heiratete. Zemlinsky führte Schönberg nicht nur in die musikalischen Kreise Wiens ein, er war auch sein Berater in der Komposition, korrigierte seine Werke und führte einige von ihnen auf. Schönberg war es auch, der im Rahmen des Unterrichtes den Klavierauszug zur ersten Oper Zemlinskys, Sarema aus dem Jahre 1897, anfertigte. Auch in religiösen Fragen waren die beiden miteinander verbunden; Schönberg konvertierte 1898 zum Protestantismus, Zemlinsky ein Jahr später. Um 1902 löste sich Schönberg dann allmählich von Zemlinskys kompositorischem Einfluss – für einen Weg, dessen Radikalität später zu tiefen ästhetischen Differenzen zwischen den beiden führte. Zwei symphonische Dichtungen – die 1902–1903 komponierte Pelleas und Melisande Schönbergs und Zemlinskys im Jahre 1905 vollendete Die Seejungfrau nach einem Märchen von Hans Christian Andersen (1805–1875) – dokumentieren die Verwandlung des persönlichen Stils der Komponisten. Das gemeinsame Interesse an zeitgenössischer Musik blieb jedoch bestehen und führte 1904 zur Gründung der Vereinigung schaffender Tonkünstler.

Die Seejungfrau nach den Motiven des Märchens von Hans Christian Andersen aus dem Jahre 1837. Bei der Uraufführung in Januar 1905 in Wien wurde das Werk vom Publikum günstig aufgenommen, im Unterschied zur symphonischen Dichtung Schönbergs Pelleas und Melisande. Eindrucksvolle Aufnahme mit dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Riccardo Chailly.

Vom Operettenkapellmeister zum Opernchef in Prag
„Alles wär‘ schön auf der Welt – wenn’s keine Operetten gäbe.“
 (Alexander Zemlinsky)

Seine ersten Erfahrungen als Dirigent konnte Zemlinsky bereits in seiner Jugend bei der Leitung des synagogalen Chors und in dem von ihm gegründeten Orchester Polyhymnia gewinnen (Schönberg spielte in diesem Orchester Violoncello, angeblich „ebenso feurig wie falsch“, was sicher nicht der einzige Grund für die nur kurze Existenz des Orchesters gewesen war). Im Jahre 1900 verstarb sein Vater, der Sohn musste den Rest der Familie unterhalten. Er wurde Kapellmeister am Carltheater, dessen Repertoire überwiegend Operetten bildeten. Er arbeitete dort mit Widerwillen, sammelte jedoch die notwendige Erfahrung für seine künftige Laufbahn als Komponist, Opernchef und Dirigent. Er wirkte auch an der Volksoper und kurz am Theater an der Wien. Im Jahre 1907 engagierte ihn Gustav Mahler (1860–1911) dann an die Hofoper. Mit dessen Abgang nach New York im Jahre 1908 änderte sich die Situation: Nach Differenzen mit dessen Nachfolger Felix Weingartner (1863–1942) kehrte Zemlinsky an die Volksoper zurück. Und dann kam Prag: „Alexander von Zemlinsky, der rühmlichst bekannte Wiener Dirigent und Komponist, ist vom Direktor Heinrich Teweles als erster Kapellmeister engagiert worden und wird sein Engagement am 1. September 1911 antreten.“ 

Der nach dem Tod von Angelo Neumann (1838–1910) neue Direktor des Neuen deutschen Theaters (NND) wurde der gebürtige Prager Heinrich Teweles (1856–1927), der unter der Direktion Neumanns als Dramaturg gearbeitet hatte und als Journalist mit dem Prager Kulturleben vertraut war. Teweles war sich dessen bewusst, dass er für die Erhaltung des Niveaus der Oper eine visionäre künstlerische Persönlichkeit brauchte – Zemlinsky hatte zu dieser Zeit bereits nicht nur als Dirigent, sondern auch als Komponist einen Namen. „Mit der Berufung Alexander von Zemlinskys auf den Posten des ersten Kapellmeisters und Beirats der Direktion in musikalischen Angelegenheiten ist allen, welchen die Zukunft unserer Oper am Herzen liegt, eine große Sorge genommen worden. Ohne sich irgendwie zu präjudizieren, darf man sich über diese Wahl nur freuen. Denn mit Zemlinsky tritt an die verantwortungsreichste Stelle unseres Musiklebens nicht ein beliebiger aus der Schar der mehr oder weniger genannten Kapellmeister herausgesuchter Dirigent, sondern eine autoritative Persönlichkeit mit scharfumrissenem Profil, der Träger eines Namens, was zugleich ein ausgesprochenes Programm bedeutet. Das Programm eines wirklichen, auf keinerlei Richtungen eingeschworenen Musikers, eines Künstlers, der keine Konzessionen gegen sich und andere kennt und der nicht nur geeignet erscheint, die ihm auferlegten Funktionen zu erfüllen, sondern auch in weiterem Sinne der Führer aller zu sein, welche gemeinschaftliche musikalische Interessen miteinander verbinden,“ so begrüßte die Prager deutsche Presse im April 1911 Zemlinsky. Im September 1911 machte sich Zemlinsky mit voller Entschlossenheit an die Arbeit. Seine erste Vorstellung, Beethovens Fidelio, dirigierte er vor dem vollen Haus am 24. September 1911. „Und man ging mit der Ueberzeugung nach Hause, daß die Pflege der Werke unserer Meister jetzt in guten Händen ist“, kommentierte Felix Adler im Anschluss in der Zeitung Bohemia.

Prag 1911–1927
Der Stil seines Musizierens ist höchster Ausdruck jener „Wiener Tradition“ des musikalischen Vortrags, dessen letzter großer Exponent Gustav Mahler war. Wesen dieses Stils: größte Freiheit bei unbedingter Klarheit und Natürlichkeit. Das Spezifikum von Zemlinskys Dirigieren ist reinste Sachlichkeit. [...] Er identifiziert sich ganz mit dem Werk und findet aus intuitivem Erfassen und schärfstem analytischen Verstehen seines Wesens Tempo, Klang und Phrasierung.“ (Heinrich Jalowetz)

In seiner ersten Saison hatte Zemlinsky den Tannhäuser, den Freischütz, Die Walküre, Die Zauberflöte, Figaros Hochzeit, Lohengrin, Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg neu einstudiert. In seinen 16 Jahren an der Spitze des NND (1911–1927) wurden es insgesamt an die 60 Opern, die er zur Aufführung brachte. Seine große musikalische Liebe war Mozart; es heißt, einer seiner ersten Wünsche in Prag war die Anschaffung eines „Pultklaviers“ zur Aufführung seiner Opern. Er dirigierte zudem Philharmonische Konzerte des Theaterorchesters , war als Klavierbegleiter tätig und setzte die von Angelo Neumann entwickelte Tradition der Einladung hervorragender Dirigenten fort. Unter ihm wirkten in Prag, wenn auch nur für kurze Zeit, Erich Kleiber, Pietro von Stermich, Eugen Szenkar, Rudolf Götz, Bruno Zilzer, Werner Wolff, Stefan Strasser und Siegfried Theumann. Zum ersten Mal in der Geschichte des NND führte Zemlinsky zudem eine tschechische Oper auf: im Jahre 1924 Smetanas Der Kuss, im folgenden Jahr Die verkaufte Braut und im Jahre 1926 Janáčeks Jenufa. Weitere Opern seiner Ära waren Tschaikowskys Eugen Onegin, Hindemiths Cardillac und dessen drei Einakter (Mörder, Hoffnung der Frauen / Sancta Susanna / Das Nusch-Nuschi), Kreneks Jonny spielt auf, Der ferne Klang und Der Schatzgräber jeweils von Schreker sowie Die tote Stadt, Der Ring des Polykrates und Violanta von Korngold. Ein historisches Ereignis war im Jahre 1924 die Uraufführung des Monodramas Arnold Schönbergs Erwartung. Auch Zemlinskys eigenen Werke erschienen auf dem Spielplan, obwohl er zum Komponieren nur wenig Zeit hatte: Es war einmal (1912 und 1915), Eine Florentinische Tragödie (1917), Kleider machen Leute (Uraufführung der 2. Fassung 1922) und Der Zwerg (1926). Zemlinskys Nachfolger George Szell (1897–1970) führte im Jahre 1934 zudem Zemlinskys Oper Der Kreidekreis auf.

Während seiner Zeit in Prag engagierte sich Zemlinsky auch in anderen Bereichen des Musiklebens – als Pädagoge und Organisator. Zweimal wurde er zum Rektor der Deutschen Akademie für Musik und darstellende Kunst gewählt (1920–1922, 1924–1927), an der er Dirigieren und Komposition unterrichtete. Im Jahre 1922 war er einer der Mitbegründer und Vorsitzender des Prager Zweigs des Vereins für musikalische Privataufführungen. Im Ausschuss arbeiteten die Dirigenten Václav Talich und Heinrich Jalowetz, der Komponist Fidelio F. Finke und einige interessierte und engagierte Nichtmusiker, unter ihnen der Astronom und Amateurmusiker Georg (Jiří) Alter, dessen Organisationstalent dem Verein sehr zugute kam. Nach dem Abgang Schönbergs an die Musikakademie in Berlin übernahm der Prager Zweig die Funktion des aufgelösten Wiener Vereins und wurde 1924 als deutsche Subsektion der tschechoslowakischen Sektion in die Internationale Gesellschaft für Neue Musik integriert. Die Idee Schönbergs gab auch den Anlass zur Gründung des tschechischen Spolek pro moderní hudbu (Verein für moderne Musik), bei dessen Gründung die Komponisten Vítězslav Novák, Josef Suk, Otakar Ostrčil, Karel Boleslav Jirák, Václav Štěpán, Boleslav Vomáčka, Ladislav Vycpálek, der Violinist Karel Hoffmann, die Dirigenten Václav Talich und Vincenc Maixner und der Regisseur Ota Zítek mitwirkten.

Im Jahre 1922 hat Alexander Zemlinsky am Neuen deutschen Theater in Prag die bearbeitete Fassung seiner Kleider machen Leute uraufgeführt. Prolog: Zwischenspiel. Walzertempo. Gürzenich-Orchester Köln, Dirigent: James Conlon, 2002

Philharmonische Konzerte
„Wenn das heutige musikalische Prag durch und durch modern orientiert ist, wenn Schönberg, Debussy, Strawinski und selbst Anton v. Webern und Alban Berg in Prag breitere verständnisvollere Ohren finden als anderwärts, so ist das das Verdienst der zielbewussten, Schritt für Schritt vorgehenden Tätigkeit Zemlinskys. Er ist nicht nur Führer im deutschen Lager, auch die Tschechen laden ihn zur Leitung von Konzerten ein, tschechische Dirigenten bilden sich an seinem Beispiel und anerkennen rückhaltlos seine Autorität.“  (Felix Adler)

In Prag arbeitete sich Zemlinsky zum international anerkannten Dirigenten empor. Sein Vorgänger an der Spitze der Oper, Angelo Neumann, hatte im Jahre 1887 Abonnementkonzerte eingeführt, die mit den Jahren ein wichtiger Bestandteil des Prager Musiklebens geworden waren. Zemlinsky knüpfte hier an und dirigierte sein erstes Konzert am 23. November 1911. Auf dem Programm standen Schuberts 7. und Beethovens 5. Symphonie. Schwerpunkte galten neben Beethoven zudem den Werken von Brahms und Bruckner, fast in jeder Saison wurden auch Mahler und Richard Strauss gespielt. Zemlinskys brachte in Prag Schönbergs Orchesterlieder, die Orchesterfassung seiner Verklärten Nacht, Pelleas und Melisande und im Jahre 1921 die Gurre-Lieder zur Aufführung, Letzteres als tschechische Premiere. Er dirigierte außerdem Werke von Schreker, Korngold, Strawinski (Der Feuervogel, Pulcinella), Ravel (La Valse), Ullmann (die heute verschollene Symphonische Phantasie), Schulhoff (Variationen über ein eigenes Thema), Schimmerling (Liederzyklus Kirschblüte), Bruchstücke aus Bergs Wozzeck und aus Ariane et Barbe-Bleue von Dukas. Ein tschechischer Komponist stand in den Philharmonischen Konzerten nur einmal auf dem Programm: am 30. September 1924 Dvořáks Konzert für Violoncello mit dem Solisten Emanuel Feuermann. Von anderen slawischen Komponisten wurde lediglich Tschaikowskis Fünfte Symphonie gespielt.

Im Jahre 1924 fand in Prag das Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik statt, das mit dem Doppeljubiläum Bedřich Smetanas verbunden war. Das Programm hatte absichtlich das Werk des Begründers der tschechischen modernen Musik mit dem Schaffen der jüngsten Epoche konfrontiert. In diesem Rahmen wurde am 4. Juni Zemlinskys Lyrische Symphonie mit den Solisten Tilly de Garmo und Josef Schwarz uraufgeführt. Das Programm wurde mit Choralvorspielen von Johann Sebastian Bach in Schönbergs Bearbeitung ergänzt. Ursprünglich sollte das Fragment der Zehnten Symphonie Mahlers aufgeführt werden, die Aufführungsrechte waren jedoch mit der Uraufführung in Wien gebunden. Die Uraufführung fand dann am 14. Oktober desselben Jahres statt, Zemlinsky hatte das Werk unmittelbar danach in einem außerordentlichen Konzert des Theaterorchesters am 11. Dezember 1924 angesetzt. Am 6. Juni, ebenfalls im Rahmen des Festivals, fand die bereits erwähnte Uraufführung von Schönbergs Erwartung statt. Marie  Gutheil-Schoder übernahm die Solopartie.

Lyrische Symphonie
Am 19. September 1922 schrieb Zemlinsky an den Direktor der Universal Edition, Emil Hertzka: „Ich habe im Sommer etwas geschrieben in der Art des Lied v. d. Erde. Ich habe noch keinen Titel dafür. Es sind 7 ganz zusammenhängende Gesänge für Bariton, Sopran u. Orchester, alle ohne Unterbrechung. Ich instrumentiere noch daran.“ Von manchen wird die Lyrische Symphonie nach den Texten von Rabindranath Tagore (1861–1941) für Zemlinskys Hauptwerk gehalten. Sie nähert sich dem Lied von der Erde Mahlers nicht nur durch die Wahl des Textes und seinen Inhalt an, sondern auch in Konzept und Ausarbeitung. Die Uraufführung war jedoch beinahe nicht zustande gekommen, da ein Teil des Manuskripts im Jahre 1923 irgendwo zwischen Wien und Berlin verlorengegangen war. Zemlinsky hatte ihn in Teilen an den Dirigenten Heinrich Jalowetz, der den Klavierauszug anfertigen sollte, nach Berlin verschickt, und dieser sollte ihn, wieder in Teilen, zurück nach Wien an den Verlag Universal Edition senden. Der größte Teil des Werkes war jedoch in Wien nicht angekommen, und die für den 23. Oktober festgestellte Premiere musste abgesagt werden. Das verlorene Manuskript wurde schließlich anfangs Dezember in Berlin gefunden, wie die Berliner Post Zemlinsky benachrichtigt hatte. Dank dieses glücklichen Fundes konnte Prag am 4. Juni 1924 eine Uraufführung für sich verbuchen. 

Das Neue deutsche Theater konnte sich mit der Uraufführung der Lyrischen Symphonie Zemlinskys auszeichnen, in der er – nach manchen Deutungen – seine Beziehung zu Alma Mahler geschildert haben soll. Eine leidenschaftliche Wiedergabe des ersten Teils „Ich bin friedlos, ich bin durstig nach fernen Dingen“, in der Interpretation von Dietrich Fischer-Dieskau und den Berliner Philharmonikern unter Lorin Maazel, 1982.

Der Abschied von Prag, eine Wolke über Europa und Exil 
Am 24. Juni 1927 hatte sich Zemlinsky mit Mozarts Figaros Hochzeit von Prag verabschiedet. Er wurde Dirigent an der Berliner Kroll-Oper, damals eine der progressivsten deutschen Opernbühnen, deren Chef im selben Jahr Otto Klemperer (1885–1973) wurde. Auch Klemperer hatte seine ersten Erfahrungen als Dirigent in Prag gemacht, Zemlinsky zur Saisonwende 1910/11 jedoch nicht mehr getroffen. Der 56-jährige Zemlinsky fühlte sich zunehmend fremd im Berliner Ensemble unter den jungen Stars, darunter unter anderem der um 20 Jahre jüngere Fritz Zweig (1893–1984). Auch Opernchef Klemperer war um 14 Jahre jünger. Darüber hinaus hat Zemlinsky von Klemperer nur wenige interessante Dirigentenaufgaben bekommen, auch keine seiner Opern wurde ins Repertoire genommen, obwohl Klemperer auf seiner vorherigen Spielstätte Zemlinskys Einakter Der Zwerg aufgeführt hat. 

Zemlinsky kam in einer ungünstigen Zeit nach Berlin, die Kroll-Oper war den Anhängern des sich immer weiter ausbreitenden Nationalsozialismus ein Dorn im Auge. Nach einer Aufführung zweier Werke Schönbergs am 7. Juni 1930, Die glückliche Hand und Erwartung, schrieb der mit dem Nationalsozialismus sympathisierende Musikkritiker Paul Zschorlich in der Deutschen Zeitung über den „jüdischen Nepotismus“: „Er [Schönberg] ist Autodidakt und, was wichtiger ist, der Schwager Alexander von Zemlinskys, des Kapellmeisters der Kroll-Oper. [...] Schönberg aufführen heißt so viel wie Kokainstuben fürs Volk eröffnen. Kokain ist Gift. Schönbergs Musik ist Kokain. [...] Das Allerschlimmste aber, daß die Hörer es mit Schafsgeduld hinnehmen und so tun, als ob sie etwas davon verstünden.“

Im Jahre 1929 verstarb Zemlinskys Ehefrau Ida, die Tochter Hansi wurde Halbwaise. Eine neue Familie konnte Trost bringen. Seine zweite Frau Luise Sachsel (1900–1992) hatte Zemlinsky bereits im Jahre 1914 kennengelernt, als sie am NND als Choristin vorgesungen hatte. Ihre Familie stammte aus Nový Bydžov (Ostböhmen), sie selbst wurde 1900 in der Ukraine geboren, wo ihr Vater seinen Lebensunterhalt suchte. Im Jahre 1907 kehrte die Familie Sachsel nach Böhmen zurück. Zemlinskys Beziehung zu Luise bestand für viele Jahre, als Hochzeitsgeschenk begann er mit der Komposition der Oper nach dem Drama von Alfred Henschke (Pseudonym Klabund, 1890–1928) Der Kreidekreis

Am 3. Juli 1931 wurde die Kroll-Oper durch behördlichen Eingriff geschlossen. Zemlinsky blieben das Komponieren und Gastspiele, z. B. in Prag, wo er am 19. Januar 1933 Beethovens Neunte Symphonie mit der Tschechischen Philharmonie (elf Tage danach wurde Adolf Hitler Reichskanzler) dirigierte. Im Februar desselben Jahres bestritt er in Prag zwei weitere Konzerte, das eine mit einem Wagner-Programm, an dem bezeichnenderweise der Monolog von Hans Sachs „Wahn, Wahn überall Wahn“ erklang, das andere mit Beethovens Missa solemnis. Am tschechischen Nationaltheater dirigierte er am 23. und 29. April 1933 Wagners Tannhäuser. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der Eröffnung des Ständetheaters kam im Frühjahr 1933 am NND zudem noch Mozarts Die Hochzeit des Figaro hinzu.

Im Oktober 1933 hatten in Zürich, wo Zemlinskys Schüler Robert Kolisko (1891–1974) wirkte, die Proben zu Kreidekreis begonnen. Die Uraufführung im Zürcher Stadttheater fand am 14. Oktober 1933 statt. Zemlinsky hatte zu dieser Zeit Berlin bereits verlassen, war nach Wien zurückgekehrt und Dirigent des dortigen Konzertorchesters. Die scharfen Attacken in Deutschland hatten sich vermehrt: „Zemlinsky ist hier der Wolf im Schafspelz, der unter dem Deckmantel eines seriösen Komponisten jene Musik wieder einzuschmuggeln sucht, deren Führer (Schönberg, Schreker) endlich Deutschland verlassen haben. [...] Würde man Zemlinsky bejahen, so hätten diese Herren erst recht den Anspruch darauf, wieder in Ehren aufgenommen zu werden,“ konnte man beispielsweise über ihn lesen. Trotzdem wagten es vier deutsche Städte, den Kreidekreis aufzuführen. Am 16. Januar 1934 fand die Erstaufführung in dem damals preußischen Stettin statt, wo ein übereifriger Beamter sofort weitere Vorstellungen verbot, weil der Inhalt des Werkes „dem sittlichen Denken des deutschen Volkes“ widerspreche. Das Stettiner Stadttheater musste die Angelegenheit dem Reichsdramaturgen zur Entscheidung vorlegen. Dieser erklärte die Oper mit Vorbehalt einiger Kürzungen und Milderungen für unbedenklich und ließ sie für weitere Aufführungen zu. Es folgten Premieren in Coburg, am 23. Januar in Berlin (mit 21 Reprisen), am 25. Januar in Nürnberg. Am 9. Februar folgte Graz, und am 9. Dezember 1934 wurde die Oper unter George Szell am NND in Prag erstaufgeführt. Am Vorabend der Premiere hatte Zemlinsky die Tschechische Philharmonie mit Mahlers Zweiter Symphonie dirigiert. Die beiden Abende gehörten zu den letzten Erfolgen seines künstlerischen Lebens. Auch in Österreich war er nicht mehr sicher, nach dem Attentat auf Bundeskanzler Engelbert Dollfuss (1892–1934) war es höchste Zeit zu fliehen. Das Wiener Konzertorchester hatte zudem nach vier Jahren aus finanziellen Gründen seine Tätigkeit eingestellt, Zemlinsky war ohne Engagement.

Die letzte Oper Zemlinskys Der Kreidekreis nach dem Drama Alfred Henschkes (Klabund) wurde im Jahre 1932 vollendet. Das Radio-Symphonie-Orchester Berlin dirigiert Stefan Soltesz, 2010

Auf der Flucht
„Ich komme mit dir.“
 (Alexander Zemlinsky an seine Frau, 1938)

Arnold Schönberg hatte Europa bereits im Jahre 1933 verlassen, Zemlinsky zögerte noch einige Zeit. Am 12. März 1938 wurde Österreich an das Hitlerreich angeschlossen. Mitte September reiste Zemlinsky mit seiner Familie nach Prag und beantragte aufgrund des ihm von der mittelböhmischen Gemeinde Strančice erteilten Heimatsrechts einen Auswanderungspass. Die Eintragung über die Anzahlung von 2 000 Kronen hat sich in der Gemeindechronik kurioserweise zwischen den Einnahmen von 205 Kronen für Baugebühren und den Ausgaben von 67 Kronen für zehn Glühbirnen für die öffentliche Beleuchtung erhalten. Die 2 000 Kronen waren eine vergleichsweise geringe Summe im Vergleich zu den 27 000 Reichsmark der sogenannten „Reichsfluchtsteuer“, einer perfiden Maßnahme, um den Kapitaltransfer zu verhindern. Mitte Dezember bestieg Zemlinsky mit seiner Tochter Johanna und seiner zweiten Frau Luise in Rotterdam ein Schiff, mit dem sie am 23. Dezember 1938 in den Vereinigten Staaten landeten. Im Gepäck hatte er die unvollendete Partitur der Oper Der König Kandaules.

Der Dirigent der Metropolitan Opera, Artur Bodanzky (1877–1939), überzeugte die New York Times, eine ganzseitige Laudatio mit der Titelzeile „Zemlinsky Comes to Live Here!“  zu veröffentlichen und veranlasste für den Komponisten den Vertrag bei einem Musikverlag. Doch die Lebenskräfte Zemlinskys waren erschöpft. Mitte 1939 erlitt er seinen ersten Schlaganfall. Auch der Kreis derer, die ihm in der Fremde helfen konnten (er beherrschte die englische Sprache nicht), war klein: Im November 1939 starb Bodanzky, im Dezember 1940 Otto Sachsel, der Bruder von Luise, der bereits vor den Zemlinskys in die USA gekommen war und ihnen vielfach geholfen hatte. Schönberg lebte in Los Angeles, sie hatten nur brieflichen Kontakt. Nur einmal waren sie noch einander begegnet, als Schönberg in New York seinen Pierrot lunaire dirigierte. Der letzte handschriftliche Brief Zemlinskys an Schönberg aus dem Jahresende 1939 lautet: „Lieber Schönberg. Bald nach unserer Ankunft in Newyork erkrankte ich an einer schweren Nervenkrankheit und ebenso bald wurde es uns klar, daß wir nicht in dieser Stadt bleiben werden und jetzt steht fest, daß wir nach dem Westen gehen. Wie der 1. Frühlingstag kommt, fahren wir von hier weg. Monate lang lag ich mit großen Schmerzen. Das, was wir in Wien erlebt u. gesehen haben konnte nur diesem Abschluß führen: ein kompletter Nervenzusammenbruch. Ich werde Dir bald mehr schreiben sobald ichs imstande bin. […]“

Die Hoffnung auf die Aufführung von König Kandaules platzte, sie kam nicht zur Uraufführung. Der enttäuschte Komponist legte die Oper zur Seite und entwarf ein neues Werk, Circe, von dem er allerdings nur noch den 1. Akt fertigstellen konnte. Von dem zweiten Schlaganfall im Dezember 1940 erholte er sich nicht mehr. Er starb am 15. März 1942, vier Tage nachdem er mit Luise in das neue Haus in Larchmont übersiedelt war, wo er vor dem New Yorker Lärm Ruhe suchte. Im Jahre 1985 wurde seine Asche in seine österreichische Heimat gebracht und auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.   

Die unvollendete Partitur der Oper Der König Kandaules hatte Zemlinsky im Jahre 1938 nach New York mitgenommen. Er hatte auf eine Aufführung an der Metropolitan Opera gehofft, sie lehnte die Oper jedoch wegen der Nacktheit auf der Bühne ab. Vorspiel zum 3. Akt, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Dirigent: Gerd Albrecht, 2020

Opernkomponist
„Er ist in der Oper zu Hause.“ (Franz Werfel)

„Ich gehe jetzt wieder mit einer neuen Idee zu einer Oper herum“, hatte Zemlinsky an Schönberg im Herbst 1902 geschrieben. „Ich glaube, das wird was. Ich hab nur die Idee resp. die Figur zur Idee, nicht viel mehr, also keine eigentliche Handlung noch. In Kürze: ‚Der arme Peter‘, d. i. der Mann, der ideale junge Schwärmer oder Träumer (ich weiß noch nicht aus welchem Milieu), der voll Sehnsucht nach der Liebe ungeliebt ein kurzes Leben lebt. Aber nicht nur bei den Frauen, auch sonst lebt er unverstanden seinen Träumen, weil er so ganz anders als alle seine Mitmenschen ist. Freund, Geliebte, alles fällt von ihm ab erst spottend, dann vielleicht in Furcht u Misstrauen. Nur die Mutter vielleicht glaubt immer noch an ihn, sie hofft, daß er das Leben bezwingen wird, aber sie stirbt, wiewohl glaubend, an seiner Kraftlosigkeit. Ebenso er selbst.“ Die Oper Der arme Peter wurde nie geschrieben, doch die Idee, die Gefühle eines sensiblen, physisch unattraktiven Mannes trägt viele typische Merkmale anderer Opernwerke Zemlinskys: der psychologische Hintergrund, eine Inspiration durch die Märchenwelt, erotische, ja sexuelle Motive.   

Die erste Oper Zemlinskys, Sarema, wurde am 10. Oktober 1897 am Hoftheater in München uraufgeführt. Als Vorlage hatte das dramatische Gedicht Die Rose vom Kaukasus Rudolf von Gottschalls (1823–1909) gedient, eine tragische Liebesgeschichte, die im Jahre 1841 zwischen den Russen und den Tscherkessen spielt. Das Sujet passte in die Atmosphäre der Jahrhundertwende, als mitteleuropäische Künstler den Fernen Osten und alles Exotische bewundert hatten. Das Libretto war ein gemeinsames Werk von Alexander und Adolf Zemlinsky, auch Schönberg war beteiligt. Die Kritiker schwärmten von Zemlinskys unmittelbarem und natürlichem Sinn für das Theater: „Glanzvoll, dabei stets vornehm und edel ist der Orchesterklang. Besonders hervorzuheben ist der dramatische Zug dieser Musik, der auf ein entschiedenes Bühnentalent hinweist.“

Die zweite Oper, Es war einmal, wurde am 22. Januar 1900 an der Wiener Hofoper uraufgeführt. Das Libretto nach dem Märchen vom dänischen Dichter Holger Drachmann (1846–1908) stammt von Maximilian Singer (1857–1928), über dessen Zusammenkunft mit Zemlinsky nur wenig bekannt ist. Die Oper hatte Gustav Mahler einstudiert und dirigiert, nur eine Vorstellung hatte er Josef Hellmesberger überlassen. Die Prinzessin sang Selma Kurz, den Prinzen Erik Schmedes, den König Franz von Reichenberg und den Kaspar der tschechische Bassist Willy Hesch (Vilém Heš), der im Jahre 1897 gemeinsam mit Mahler, mit dem er bereits in Hamburg gearbeitet hatte, an die Hofoper gekommen war. Zemlinsky „besitzt noch alle Fehler seiner Jugend“, schrieb ein Kritiker. „Er stürmt mit seinen Ideen himmelwärts und hat seine Kräfte oft überschätzt. Es steckt auch noch zuviel Verstand in seiner Musik. Er klügelt und geistreichelt in Tönen und zerstört seine Selbständigkeit. Er grübelt und sinnt, und wird bombastisch, phantastisch und zu schwerfällig in seinen Ausdrucksmitteln. […] Er wird noch gereifter gesetzter werden müssen. Er hat seine geniale Musikerflegeljahre nicht überstanden. Er scheint originalsüchtig zu sein und wird erst recht in der verwirrten und mystischen Musikersprache ein Eklectiker, ein Halb-Wagnerianer mit den Alluren der romantischen Musikschule. Aber er hat das Zeug, wie selten einer, etwas Ordentliches, Großes und Achtunggebietendes den Opernbühnen zu schenken.“

Im Jahre der Uraufführung von Es war einmal hatte Zemlinsky Alma Mahler-Werfel, geb. Schindler (1879–1964), kennengelernt. Als Dirigenten hatte ihn Alma bereits im Februar 1900 gesehen, als er seine Kantate nach dem Text von Paul Heyse (1830–1914) Beerdigung des Frühlings dirigiert hatte. Über ihre Eindrücke schrieb sie in ihr Tagebuch, Zemlinsky sei „eine Carricatur – kinnlos, klein, mit herausquellenden Augen und einem zu verrückten Dirigieren“. Die persönliche Begegnung zwei Wochen danach wirkte auf sie ähnlich; er war „furchtbar hässlich, hat fast kein Kinn – und doch gefiel er mir ausnehmend“. Im Gespräch hatten sie die gemeinsame Bewunderung von Wagners Tristan und Isolde geteilt. Zemlinsky wurde Lehrer von Alma (zum Ärger ihrer Mutter) und verliebte sich in sie. Die seltsame Beziehung, in der er Gegenstand von Almas wechselnden Stimmungen, Spott, Demütigungen und Liebesbezeugungen war, dauerte etwa ein Jahr. Im Anschluss heiratete sie Gustav Mahler. 

Mahler hatte auch eine weitere Oper Zemlinskys, Der Traumgörge nach dem Libretto von Leo Feld (1869–1924), angenommen. Die Presse hatte im Mai 1907 die Uraufführung für den 4. Oktober, den Namenstag des Kaisers, angekündigt, an dem traditionell an der Hofoper eine Novität oder ein interessantes Werk aufgeführt wurde (im Jahre 1896 war es zum Beispiel Die verkaufte Braut Smetanas und ein Jahr danach sein Dalibor). Die Merkwürdigkeit des Informationsflusses zwischen „Burg und Unterburg“ zeigt sich darin, dass die Annahme von Libretto und Klavierauszug der Oper erst am 7. Juni in den Akten der Hofoper vermerkt ist, der Hinweis auf den geplanten Uraufführungstermin 4. Oktober erscheint darin erst im August 1907. Die Premiere fand jedoch nicht statt. Im Dezember erschien die Notiz, dass sie am Ende Januar 1908 geplant sei, dazu die Bemerkung: „Das Werk soll enorme Schwierigkeiten enthalten; wie von Mitwirkenden versichert wird, ist das Studium von Tristan und Isolde dagegen ein Kinderspiel.“ Dann kam es zum Wechsel in der Leitung der Hofoper, ab 1. Januar 1908 wurde Gustav Mahler durch Felix Weingartner (1863–1942) ersetzt. Er zog unter anderem Mahlers Inszenierungen von Mozart-Opern zurück, seiner Repertoirepolitik fiel auch Zemlinskys Oper zum Opfer. Mahler schrieb an Zemlinsky aus den Vereinigten Staaten: „Leider waren mir die Mitteilungen über Ihr Abenteuer mit dem neuen Regime nicht unerwartet. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, daß W. sein Versprechen, vor allem anderen Ihre Oper herauszubringen, so ohne weiteres ignorieren werde.“ Der Traumgörge musste über 70 Jahre warten, erst am 11. Oktober 1980 fand die Uraufführung der Oper in Nürnberg statt. 

Die musikalische Komödie Kleider machen Leute, wieder nach dem Libretto von Leo Feld nach Gottfried Keller (1819–1890), wurde am 2. Dezember 1910 an der Wiener Volksoper uraufgeführt. „Immer wieder ertönt der Schrei nach komischen Opern, die Klage, dass unsere Produktion auf diesem Gebiete fast nichts zutage fördere. Unserer nervösen, hastenden Zeit fehlt die naive Seele, unseren Komponisten die Natürlichkeit und Einfachheit der Empfindung“, charakterisierte ein Kritiker die Situation des komischen Genres. „Ohne ausgiebigen melodischen Reiz ist die Musik einer Spieloper nicht lebensfähig und das verschlungenste, kunstvollste Rankenwerk kompliziertester, moderner Technik, die geistvollste Häufung musikalischer Ausdrucksmittel können dafür keinen vollen Ersatz bieten.“ Zu dieser Oper kehte Zemlinsky zurück, als er in Prag tätig war. Eine neue Fassung kam hier im Jahre 1922 am Neuen deutschen Theater zur Uraufführung.

Die Uraufführung der folgenden Oper, Eine florentinische Tragödie nach Oscar Wilde (1854–1900), fand am 30. Januar 1917 in Stuttgart statt, am 4. März desselben Jahres wurde sie in der Einstudierung des Komponisten und unter seiner Leitung in Prag erstaufgeführt. Am 27. April folgte dann dank dem neuen Direktor Hans Gregor (1866–1945) ihre Premiere an der Wiener Hofoper, gemeinsam mit dem Ballett von Paul von Klenau Klein Idas Blumen nach Hans Christian Andersen. Während sich Letzteres einige Zeit im Repertoire halten konnte, verschwand Zemlinskys Oper weitgehend in Vergessenheit. Auch das Verhältnis von Zemlinsky und der Hofoper blieb insgesamt problematisch. Im Laufe der Jahre hatte er ihr sechs seiner Werke angeboten, doch zu Lebzeiten hatte die Hofoper 1923 nur noch den Einakter Der Zwerg aufgeführt.

Jene Oper ist eine Adaptierung der Geschichte über einen körperlich deformierten Diener, der sich in eine spanische Prinzessin verliebt – möglicherweise eine Anspielung auf seine Beziehung zu Alma. Der Zwerg wurde am 22. Mai 1922 in Köln uraufgeführt, die Prager Erstaufführung am 28. Mai 1926 hatte Zemlinsky dem neu engagierten Wilhelm Steinberg (1899–1978) anvertraut. Die Vorlage stammt abermals von Oscar Wilde: seine Erzählung The Birthday of Infanta, die unter dem Titel Das Spielwerk und die Prinzessin (als Pantomime bzw. Ballett) auch von Franz Schreker und Bernhard Sekles vertont wurden. Die Prager Erstaufführung, bei der nach Absage des Hauptdarstellers, des norwegischen Tenors Karel Aagard Østvig (er sang die Reprisen), Franz Fellner einsprang, löste Begeisterung aus: „Zemlinskys Partitur ist das Werk eines Meisters. Diese Musik ist frei von der Hypertrophie der modernen Oper, sie verdeckt keine Blößen durch die Hülle nebuloser Klänge, hilft sich nicht durch Forstwursteln über tote, einfallslose Stellen, sie ist da und man hat den Eindruck, so muss es sein und nicht anders. Überraschend ist ihre Fasslichkeit, die Prägnanz ihrer Motive bohrt sich ins Gedächtnis, die Durchsichtigkeit des Orchesters lässt keinen Augenblick den Faden verlieren.“

Kurz vor der Machtergreifung Hitlers hatte Zemlinsky noch die Oper Der Kreidekreis nach Motiven einer chinesischen Legende vollendet. Die Uraufführung im Stadttheater in Zürich fand am 14. Oktober 1933 statt. „Es war ein starker und ehrlicher Erfolg, den dieses Werk jetzt bei seiner Uraufführung errang, und es ist zu hoffen, daß er sich auch anderweitig einstellen wird. [...] Bedeutende Phantasie und hochgesteigerte Artistik treffen in Zemlinskys Persönlichkeit zusammen. In der sicheren Führung der Singstimme, in der Feinheit der Instrumentierung, in der fesselnden Koloristik, aparten Rhythmik, natürlich fließenden Melodik dieser Partitur offenbart sich ein Meister, der den komplizierten Bühnenapparat anscheinend mühelos handhabt,“ schrieb die Kritik hierzu. 

Die Oper Der König Kandaules, die er als Entwurf 1938 in die USA mitgebracht hatte, musste auf ihre Uraufführung bis 1996 warten; nach dem erhaltenen Particell wurde sie von Anthony Beaumont vollendet.

Musikalisches Vermächtnis
„Ich habe immer fest daran geglaubt, dass er ein großer Komponist war, und ich glaube noch immer daran. Möglicherweise wird seine Zeit früher kommen, als man denkt.“ (Arnold Schönberg, 1949)

Zemlinskys Musik kombiniert auf unnachahmliche Weise verschiedenste musikalische Trends der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine ausgeprägte künstlerische Persönlichkeit mit der Fähigkeit, fremde Ausdrucksformen zu fassen und sie zu interpretieren, ermöglichte es ihm, zeitgenössische Strömungen mit seiner eigenen Musiksprache zu verbinden. Nach den ersten Jahren, in denen sich Zemlinskys Musik deutlich an Brahms und Wagner orientierte, war es vor allem Gustav Mahler, der den Künstler als Komponist, Dirigent und geistiges Vorbild maßgeblich beeinflusst hatte. Auch Mahler hatte Zemlinsky sehr geschätzt. „Es ist […] nicht zu erfahren, ob Zemlinsky der Mahler-Clique oder Mahler der Zemlinsky-Clique zuzurechnen ist“, so schrieb der Komponist, Librettist und Zemlinskys Schüler Rudolf Stefan Hoffmann (1878–1931 [1939?]) im Jahre 1910. Einige seine Werke reichen auch an die expressive Musik eines Richard Strauss, etwa in Salome oder Elektra, heran. Am Ende der 20er Jahre treten bei Zemlinsky zunehmend Stilelemente der Musik von Kurt Weill, Paul Hindemith, Ernst Krenek und Alban Berg hinzu, der – nachdem Zemlinsky und Schönberg ihren Kontakt auf eine kurze Zeit unterbrochen hatten –, ihm musikalisch und menschlich nahestand.

Wie Gustav Mahler wurde auch Zemlinsky seinerzeit vor allem als hervorragender Dirigent wahrgenommen. Auch seine Rolle als Lehrer war von großem Einfluss auf eine ganze Komponisten-Generation, neben  Arnold Schönberg und Alban Berg auch Anton Webern, Erich Wolfgang Korngold, Hans Krása und Viktor Ullmann. Zur Renaissance seines Schaffens, die man ab den 1970er Jahren beobachten kann, hat auch die Staatsoper (das ehemalige Neue deutsche Theater) beigetragen: Im Jahre 1993 hat sie Zemlinskys Einakter Eine florentinische Tragödie und Der Zwerg (unter dem Titel Der Geburtstag der Infantin) und im Jahre 2000 die Oper Es war einmal aufgeführt. Im Jahre 2021 fand anlässlich des 150. Geburtstags von Alexander Zemlinsky im Rahmen des Projekts Musica non grata das Festival „Zemlinsky 150“ statt. Im Februar 2023 kehrt auch seine musikalische Komödie Kleider machen Leute nach mehr als hundert Jahren an die Staatsoper zurück.

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