Eine beeindruckende Leistung, die sich Schrekers Oper mit einem phantasievollem neuen Konzept nähert

Erklärung des Direktors der Franz Schreker Stiftung zur Produktion „Der ferne Klang“

Es war für mich eine große Freude, Prag zu besuchen und zwei Vorstellungen der neuen Produktion von  Franz Schrekers Oper Der ferne Klang an der Staatsoper beizuwohnen, in jenem Theater, in dem Alexander Zemlinsky vor mehr als hundert Jahren, genauer im Jahre 1920, die tschechoslowakische Erstaufführung dieses Werkes einstudiert hat. Die jetzige Inszenierung in der Regie von Timofey Kulyabin und unter der Leitung des Musikdirektors der Staatsoper Prag, Karl-Heinz Steffens, ist eine beeindruckende Leistung, die sich Schrekers Oper mit einem phantasievollem neuen Konzept nähert. Timofey Kulyabin und sein Dramaturg Ilya Kucharenko haben sich auf die Themen der Oper von Traum und Illusion, Ehrgeiz und Versagen konzentriert und Schrekers eigene vielgestaltige Kritik an den Klischees romantischer Liebe und Genialität geschickt herausgearbeitet. Die Neuinterpretierung der Grete als Komponistin (als Schülerin von Fritz) bringt in dieser Produktion eine neues, interessantes Modell, das eine schöpferische Handlungslinie und Individualität ins Zentrum des Werkes stellt.

mehr lesen

Der Regiekonzept weist einige freie Eingriffein in das Werk auf: in der Bühnenaustattung, in der Einführung einer jüngeren Grete als pantomimisch dargestellte Doppelgängerin und in der mutigen Verschiebung des orchestralen Zwischenspiels Nachtstück auf den Beginn des III. Aktes. In einem Interview verteidigten Kulyabin und Kucharenko ihre Eingriffe als ein Mittel, das ihre interpretatorische Absicht, mit Erinnerungen und zeitlichen Verschiebungen zu arbeiten, betonen soll. Obwohl diese und andere Änderungen in der Aufführung zunächst etwas befremdet haben, konnten sie sich schließlich als glaubhaft und wirksam erweisen, da sie mit der Offenheit Schrekers interpretatorischen Innovationen gegenüber im Einklang standen. Eine einzige problematische Ergänzung war jedoch die Einfügung der Musik von Anton Webern am Schluss des I. Aktes, um anzudeuten, dass Gretas eigener „entfernter Klang“ irgendwie „kühner“ sei – um aus dem genannten Interview zu zitieren – als der von Fritz (oder Schreker). Dies unterstreicht nur das Unrecht, das Schreker und seinen Zeitgenossen wie Zemlinsky, Korngold, Krása und Schulhoff in den 1930er und 1940er Jahren erlitten haben, und ebenso den Umstand, dass dieselben Komponisten nach dem Krieg von den doktrinären Modernisten, die ihre Ideen auf Webern zurückführten,  verdrängt wurden. Diese Geringschätzung mag unbeabsichtigt gewesen sein, diente jedoch dazu, die erstaunliche Originalität von Schrekers eigener Musik zu schmälern, die nicht weniger „kühn“ in der Erforschung neuer musikalischer Wege war als die seines Freundes und Kollegen Anton Webern.

Die Aufführungen, die ich besucht habe (am 29. März unter der Leitung von Richard Hein und am 3. April unter Karl-Heinz Steffens) bezeugen eine inspirierte Leistung bei der Arbeit mit dieser komplexen und komplizierten Partitur. Die hervorragende Besetzung mit Svetlana Aksenova als Grete und Aleš Briscein an der Spitze hat sich mit dem Werk sichtlich identifiziert und aus voller Überzeugung gesungen und gespielt.  Die phantasievolle Ausstattung und Szenographie haben ein faszinierendes Labyrinth für interpretatorische Möglichkeiten geschaffen und selten habe ich den II. Akt, angesiedelt im venezianischen Bordell „La casa delle maschere“ – hier nach dem Vorbild einer Szene aus Stanley Kubricks Eyes Wide Shut – so visuell klar inszeniert gesehen.

Die Produktion ist Bestandteil des ambitionierten Zyklus Musica non grata, eines mehrjährigen, von der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag unterstützen Projekts, zu dem Opernaufführungen, Konzerte, Konferenzen und Meisterkurse gehören, die der Wiederbelebung der Werke  jener Komponisten gewidmet sind, die in der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik (1918–1938) tätig und später vom Nationalsozialismus verfolgt waren. Mein besonderer Dank gilt der Projektmanagerin Tereza Dubsky und der PR und Marketingberaterin Iva Nevoralová für ihre so freundliche Unterstützung. Weiters ist zu danken den zahlreichen wertvollen Grundinformationen und Erklärungen durch den künstlerischen Leiter der Oper des Nationaltheaters und der Staatsoper, Per Boye Hansen, dem Musikdirektor Karl-Heinz Steffens, dem Bühnenregisseur Timofey Kulyabin, den Dramaturgen Ilya Kucharenko und den Mitgliedern der Besetzung. Besonders bewegend war es, dass das rein russische Produktionsteam ein deutliches Statement gegen die Aggression Russlands in der Ukraine abgegeben hat. Zeichen des Protestes gegen diesen tragischen Konflikt waren in Prag allgegenwärtig, einschließlich der ukrainischen Fahne am Opernhaus.

weniger lesen

Christopher Hailey
Direktor der Franz-Schreker Stiftung

Der ferne Klang

Kooperationen

Organisiert von

Unterstützt von

Kooperation

Kooperation

Kooperation

Kooperation

Konzert-Partner

Medien-Partner

Medien-Partner

Medien-Partner

Medien-Partner

Medien-Partner

Kontakt

Obligatorische Daten